Dokumentation: Wir kommen um uns zu beschweren

Rede­bei­trag der AG „No Tears for Krauts“ zur Demons­tra­tion „Wei­ßen­fels ins rechte Licht rücken. Natio­nal befreite Zonen auf­mi­schen“ am 3. Novem­ber 2012 in Weißenfels

Wir kommen um uns zu beschweren
Warum an die­ser Demons­tra­tion so gut wie alles beknackt ist und wir trotz­dem hier sind.

Liebe Freun­din­nen, Freunde, Genos­sin­nen und Genossen,

an die­ser Demons­tra­tion ist so ziem­lich alles bescheu­ert. Es fängt schon mit dem Titel an: „Wei­ßen­fels ins rechte Licht rücken!“ Damit soll wohl gesagt wer­den, dass es rich­tig ist, wenn Wei­ßen­fels über­re­gio­nal als gro­ßer Nazi­spiel­platz bekannt wird.

Das Dumme ist: Ers­tens wird es uns nicht gelin­gen, Wei­ßen­fels in irgend­ein „Licht“ zu rücken. Wir sind nicht dazu in der Lage, dau­er­haft etwas am hie­si­gen Zustand zu ver­än­dern: Schaut Euch um, dazu sind wir ein­fach zu wenige. Dar­über hin­aus inter­es­siert sich außer­halb des Bur­gen­land­krei­ses kein Schwein für den ein­zi­gen ost­deut­schen Stand­ort der welt­be­rühm­ten „Frischli“-Milchwerke. Soll hei­ßen: Um Wei­ßen­fels in ein rich­ti­ges Licht rücken zu kön­nen, müsste über­haupt Licht da sein. Wei­ßen­fels müsste, mit ande­ren Wor­ten, als etwas ande­res wahr­ge­nom­men wer­den als ein ödes, grau­brau­nes Kaff irgendwo zwi­schen Güs­trow und Annaberg-Buchholz.

Zwei­tens wird mit dem Wort­spiel „Wei­ßen­fels ins rechte Licht rücken“ auf das alte Kli­schee zurück­ge­grif­fen, dass Nazis irgend­wie „rechts“ seien, wäh­rend alles Gute auf Erden von „links“ komme. Um an die­ser Vor­stel­lung fest­hal­ten zu kön­nen, muss man ent­we­der blind und igno­rant oder aber dumm sein. Oder ist noch nie­man­dem von Euch auf­ge­fal­len, dass die NSDAP die Worte „sozia­lis­tisch“ und „Arbei­ter­par­tei“ in ihrem Namen trug? Ist es Euch nie merk­wür­dig vor­ge­kom­men, dass Mus­so­lini vor der Grün­dung der faschis­ti­schen Par­tei Ita­li­ens ein wasch­ech­ter Lin­ker war: ein Mit­glied der Sozia­lis­ti­schen Par­tei? Und habt Ihr Euch nie gefragt, warum sich die der­zei­ti­gen Nazis so leicht so genannte „linke Codes“ „aneig­nen“ kön­nen, wie es die Abge­brüh­tes­ten von Euch regel­mä­ßig als „Tea­mer“ des „Netz­werks für Demo­kra­tie und Cou­rage“ unters des­in­ter­es­sierte Jung­volk bringen?

Weder die Vor­liebe der Nazis für die Parole vom Sozia­lis­mus noch für Che-Guevara-T-Shirts und Pali­tü­cher sind Zufall. Genauso wenig ist es Zufall, dass über­durch­schnitt­lich viele NPD-Wähler ihr zwei­tes Kreuz aus­ge­rech­net bei der Links­par­tei machen: bei dem Ver­ein also, der in Form emsi­ger Jung­funk­tio­näre, der Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Eures Ver­trau­ens und der einen oder ande­ren Spen­den­quit­tung auch bei die­ser Demons­tra­tion ver­tre­ten sein dürfte. Und es ist eben­falls kein Zufall, dass die öffent­li­che Tole­ranz gegen­über Nazis über­all dort beson­ders groß ist, wo die ehe­ma­lige PDS über eine breite Basis ver­fügt. Denn auch wenn sich die Link­par­tei offi­zi­ell von den brau­nen Schlä­gern dis­tan­ziert, war sie in der Ver­gan­gen­heit immer dann zur Stelle, wenn sich Ost­deut­sche mal wie­der gegen Asyl­be­wer­ber­heime, Pfar­rer aus dem Wes­ten oder die Unter­brin­gung jüdi­scher Kon­tin­gent­flücht­linge zusam­men­rot­ten, um selbst die größ­ten Saue­reien unter Ver­weis auf den Ver­lust von Poli­kli­ni­ken, Arbeits­plät­zen und „Iden­ti­tät“ zu recht­fer­ti­gen. Die poli­ti­sche Linke hat in ihrer lan­gen Geschichte immer wie­der ent­schei­dend zur Ent­ste­hung jenes Kli­mas beige­tra­gen, das Nazis vor­fin­den müs­sen, um so genannte „natio­nal befreite Zonen“ schaf­fen zu kön­nen: eines Kli­mas aus aggres­si­ver Wei­ner­lich­keit, Gemein­schafts­kult, Staats­ver­got­tung, Arbeits­ver­herr­li­chung und dump­fem Anti­ka­pi­ta­lis­mus. So hat die Par­tei „Die Linke“ bei den letz­ten Bun­des­tags­wah­len nicht umsonst auch hier im Wahl­be­zirk Burgenlandkreis-Saalekreis die meis­ten Zweit­stim­men auf sich ver­ei­ni­gen kön­nen: mehr als die CDU und mehr als SPD, FDP und Grüne zusammen.

Das heißt: Anders als es gern behaup­tet wird, sind Faschis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus nicht ein­fach „anti­mo­dern“, „reak­tio­när“ oder eben „rechts“; son­dern sie sind eine Syn­these von „links“ und „rechts“. Faschis­ti­sche Auf­bruchs­be­we­gun­gen bemü­hen sich um eine Ver­bin­dung „zwi­schen den Kräf­ten der Ver­gan­gen­heit und den Erfor­der­nis­sen der Zukunft, zwi­schen dem Gewicht der Tra­di­tion auf der einen Seite und dem revo­lu­tio­nä­ren Enthu­si­as­mus auf der ande­ren“ (Zeev Sternhell).

Wel­che merk­wür­di­gen Fol­gen die Vor­stel­lung haben kann, dass Nazis „rechts“ seien, wäh­rend das Gute doch irgend­wie von „links“ komme, dürf­ten einige von Euch aus eige­ner Erfah­rung wis­sen. Denn wir ver­ra­ten sicher kein Geheim­nis, wenn wir erzäh­len, dass Anti­fa­schis­ten aus Wei­ßen­fels in den letz­ten Mona­ten nicht nur Ärger mit den brau­nen Jungs von der Platte hat­ten, son­dern auch mit den roten Kna­ben aus der Börde: Vor eini­gen Wochen fuh­ren die Mit­glie­der einer roten Kame­rad­schaft aus Burg nach Wei­ßen­fels, um hier einen so genann­ten Haus­be­such zu machen. Der Grund: Sie haben Freude daran, Men­schen in Nazi­ma­nier ein­schüch­tern – und sie trauen sich nicht an die Genos­sen in Halle heran, die sich bis zum Ein­tref­fen der Poli­zei in ange­mes­se­ner Weise ver­tei­di­gen würden.

Hätte es sich bei die­sem Klin­gel­post­kom­mando um eine NPD-Abordnung gehan­delt, dann hät­ten der Betrof­fene und seine Freunde sicher umge­hend die Poli­zei und das Mobile Bera­tungs­team des „Mit­ein­an­der e.V.“ ein­ge­schal­tet. Da Nazis aber „rechts“ zu sein haben und man auf­grund der gemein­sa­men Bezeich­nung als „links“ auch an wei­ter­ge­hende Überein­stim­mun­gen zwi­schen sich und anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Schlä­gern glaubt, hiel­ten Anna und Arthur das Maul. Die Folge ist, dass die Orga­ni­sa­to­ren die­ser Demo zwar den Namen jedes drit­tran­gi­gen Wei­ßen­fel­ser Tank­stel­len­na­zis im Inter­net ver­brei­ten, mit dem Klar­na­men der roten Kame­ra­den aus Burg aber sorg­sa­mer umge­hen als der Daten­schutz­be­auf­tragte der Bundesregierung.

Genauso gro­ßer Quark wie die Gleich­set­zung von „Nazis“ und „rechts“ ist die Rede vom „Welt­bild“ der Nazis, das eine Gefahr für alle Men­schen dar­stelle, die nicht in die­ses „Welt­bild“ pas­sen. Seht Euch die Haupt­schul­ab­bre­cher der „Akti­ons­gruppe Wei­ßen­fels“ doch an – sie wer­den sicher noch das eine oder andere Mal am Rand der Demons­tra­tion auf­tau­chen: Glaubt Ihr wirk­lich, dass diese Leute, die in ihrer gro­ßen Mehr­heit weder „Hit­ler“ noch „Fid­schi“ buch­sta­bie­ren kön­nen, ein „Welt­bild“ besit­zen? Sie sind froh, wenn sie „88“ feh­ler­frei in ihr Handy tip­pen kön­nen. Nicht das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche „Welt­bild“ treibt an sich nette und umgäng­li­che Jungs dazu, Men­schen zu ver­fol­gen, ein­zu­schüch­tern und umzu­brin­gen. Son­dern diese Leute wer­den Nazis, weil ihnen die Bewe­gung die Mög­lich­keit bie­tet, den eige­nen Drang, jeman­den zu ver­fol­gen und fer­tig­zu­ma­chen, als Dienst an einer höhe­ren Sache aus­zu­ge­ben. Die zahl­lo­sen inne­ren Wider­sprü­che der so genann­ten Nazi­ideo­lo­gie sind den brau­nen Schlä­gern und ihren Vor­den­kern letzt­end­lich egal: Ihnen geht es nicht um Kon­sis­tenz und Logik, son­dern darum, eine Recht­fer­ti­gung dafür zu bekom­men, andere zu quä­len. So ist es zwar kein Zufall, dass sich der Drang nach Ver­fol­gung in ers­ter Linie gegen Aus­län­der, Behin­derte, Obdach­lose, kurz: gegen Schwa­che rich­tet. Aber wir alle wis­sen doch: Wenn keine Aus­län­der, Obdach­lo­sen, Behin­der­ten zur Ver­fü­gung ste­hen, dann wird das Ver­fol­gungs­be­dürf­nis gern auch mal ohne welt­an­schau­li­che Recht­fer­ti­gung aus­ge­lebt: am Bewoh­ner des Nach­bar­dor­fes, am Tou­ris­ten, den es an den fal­schen Ort ver­schla­gen hat, oder am Kame­ra­den von nebenan. Wer die Ursa­chen die­ses Ver­fol­gungs­dran­ges the­ma­ti­sie­ren will, wird nicht umhin kom­men, über irra­tio­nale Ver­hält­nisse zu reden, sprich: über Staat und Kapi­tal. Aber auch das wird im Auf­ruf zu die­ser Demons­tra­tion ver­mie­den: Wahr­schein­lich hät­ten die Mit­glie­der der „Links­ju­gend“ sonst nicht mit­ge­spielt, die Staat und Kapi­tal bekannt­lich nicht abschaf­fen, son­dern für König Oskar und Queen Sahra nur anders ver­wal­ten wol­len. (Selbst­ver­ständ­lich mit sich selbst auf den ein­schlä­gi­gen Verwaltungsposten.)

Wie dem auch sei: Auch wenn der Titel die­ser Ver­an­stal­tung behäm­mert, der Auf­ruf unter Niveau und die Bild­spra­che des Mobi­li­sie­rungs­ma­te­ri­als teil­weise prä­pu­ber­tie­rend ist, ist es rich­tig, hier in Wei­ßen­fels zu demons­trie­ren. Aber eben nicht, wie es im Demons­tra­ti­ons­auf­ruf heißt, „weil wir es kön­nen“: Wir kön­nen auch Vor­schü­lern den Lolli weg­neh­men und tun es trotz­dem nicht. Son­dern wir sind hier­her gekom­men, weil es rich­tig ist, Nazis gerade dort auf den Ner­ven her­um­zu­tram­peln – und sei es auch nur mit beschei­de­nen Mit­teln –, wo sie in der Über­macht sind und sich sonst unge­stört aus­to­ben kön­nen. Wir sind nach Wei­ßen­fels gefah­ren, weil es rich­tig ist, Leute zu unter­stüt­zen, die regel­mä­ßig dem Ter­ror von Nazis aus­ge­setzt sind und keine andere Hilfe bekom­men, weil sie in Drecks­nes­tern wie die­sem auf sich selbst ange­wie­sen sind.

Schon mit­tel­fris­tig wür­den wir den Wei­ßen­felsern unter Euch aber raten, was wir den weni­gen ver­nünf­ti­gen Leu­ten auf dem fla­chen Land immer emp­feh­len. Denn seht Euch doch um: Selbst wenn es irgend­wann gelin­gen sollte, dass die Nazis aus Wei­ßen­fels abhauen, würde sich hier nicht viel ver­än­dern. Es wäre immer noch Wei­ßen­fels. Die PDS-Rentner, die bel­lende Spra­che, die damit ver­bun­dene Aggres­si­vi­tät und die tie­fer geleg­ten Autos, mit denen sich die Land­ju­gend auch hier im Bur­gen­land­kreis bevor­zugt um Chaus­see­bäume wickelt, wür­den blei­ben. Und auch der schlechte Geschmack, die Dau­er­wel­len der älte­ren und die lila Haar­sträh­nen der jün­ge­ren Frauen wür­den nicht ver­schwin­den. Nur der Alter­durch­schnitt würde sich wei­ter erhö­hen. Aus die­sem Grund: Haut hier ab, bevor es zu spät ist; ver­schwin­det, bevor Ihr ent­we­der zu tra­gi­schen Hel­den der anti­fa­schis­ti­schen Bewe­gung oder genauso ver­bit­tert, lethar­gisch und stumpf gewor­den seid wie Eure Eltern, Nach­barn und min­der­be­mit­tel­ten Mit­schü­ler von frü­her! Da Ihr Euch im Auf­ruf zu die­ser Demons­tra­tion fast aus­schließ­lich über die ein­hei­mi­schen Nazis beschwert, schei­nen die örtli­che Lethar­gie und Abstump­fung dum­mer­weise schon auf Euch über­ge­gan­gen zu sein: Weder Eure Erzeu­ger, Nach­barn, Klas­sen­ka­me­ra­den und Arbeits­kol­le­gen noch das öffent­li­che Klima, die man­gelnde Anony­mi­tät und die Enge schei­nen Euch beson­ders zu stö­ren: Alles prima außer Nazis. Zumin­dest in die­ser Hin­sicht dürfte es für unse­ren Rat, hier abzu­hauen, also lei­der schon zu spät sein.

Für den Kommunismus!

AG „No Tears for Krauts“ Halle, November 2012