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Veranstaltung: Gegen die Umtriebe der Zivilgesellschaft

Wenn die Magdeburger, die sich am 12. und 19. Januar auf ihrer “Meile der Demokratie” gegen den “Missbrauch des Gedenkens” durch die Nazis wenden, wirklich Nazigegner wären, so gäbe es nichts für sie zu gedenken. Die Bombardierung deutscher Städte wäre als sich abzeichnende Niederlage der mörderischen Volksgemeinschaft von ihnen zu feiern wie der Krieg gegen die Nazibestie als die einzige menschliche Tat, jener einzig wirkungsvollen nämlich, die dem Morden Einhalt gebot. Aber so weit reicht es mit der Ablehnung des Nazismus nicht und wer will schon in den Verruf geraten, ein antideutscher Bellizist zu sein?
Es ist erstaunlich, dass sich die neue Magdeburger Volksgemeinschaft umso vehementer gegen die Nazis wendet, je weiter der Nationalsozialismus in der Zeit zurückliegt. Es gehört inzwischen für jeden, der etwas auf sich hält, zum guten Ton, ein Antifaschist zu sein und sich gegen die braunen Kameraden zu wenden, die doch nichts anderes wollen, als das Bündnis gegen Rechts, nämlich, der gefallenen Magdeburger im zweiten Weltkrieg zu gedenken. Die Sprache dieses BGR, ist nazistisch. Die Bombardierung mahne zu “großer Wachsamkeit”. Man wolle “die Stadt besetzen”, um zu zeigen, dass in ihr kein Platz sei für Neonazis. Man will “zusammenstehen” und den Nazis “entgegentreten”. Die Gefahr einer neuen Volksgemeinschaft geht also nicht von den Nazis aus, sondern von ihrem gewaltfrei und friedlich demonstrierenden Widerpart, der nicht von braunen Hohlköpfen auf die Wahrheit des eigenen Gedenkens gestoßen werden möchte.
Mit Adornos Gedanken im Hinterkopf, dass das Fortleben des Nationalsozialismus in der Demokratie bedrohlicher ist als das Fortbestehen nationalsozialistischer Gruppierungen, will der Vortrag aufzeigen, dass das Magdeburger Gedenken selbst eine Tradition des Nationalsozialismus sein könnte. Es wird zu zeigen sein, dass es kein missbräuchliches Gedenken an die Bombardierung Magdeburgs gibt und dass die Meile der Demokratie der Folklore der Nazis nur allzugut entspricht. Gegen solche deutschen Umtriebe soll dazu aufgerufen werden, den demokratischen Konsens aufzukünden und der Royal Air Force dafür zu danken, dem bis heute ungebrochenden und unbedingten Willen der Deutschen zur Volksgemeinschaft die militärische Aktion entgegengesetzt zu haben.

Mittwoch, der 12. Dezember 2012
19 Uhr im Cafe Central
Leibnizstraße 34, 39104 Magdeburg

Eine Veranstaltung der Ideologiekritischen Gruppe Magdeburg

Dokumentation: Wir kommen um uns zu beschweren

Rede­bei­trag der AG „No Tears for Krauts“ zur Demons­tra­tion „Wei­ßen­fels ins rechte Licht rücken. Natio­nal befreite Zonen auf­mi­schen“ am 3. Novem­ber 2012 in Weißenfels

Wir kommen um uns zu beschweren
Warum an die­ser Demons­tra­tion so gut wie alles beknackt ist und wir trotz­dem hier sind.

Liebe Freun­din­nen, Freunde, Genos­sin­nen und Genossen,

an die­ser Demons­tra­tion ist so ziem­lich alles bescheu­ert. Es fängt schon mit dem Titel an: „Wei­ßen­fels ins rechte Licht rücken!“ Damit soll wohl gesagt wer­den, dass es rich­tig ist, wenn Wei­ßen­fels über­re­gio­nal als gro­ßer Nazi­spiel­platz bekannt wird.

Das Dumme ist: Ers­tens wird es uns nicht gelin­gen, Wei­ßen­fels in irgend­ein „Licht“ zu rücken. Wir sind nicht dazu in der Lage, dau­er­haft etwas am hie­si­gen Zustand zu ver­än­dern: Schaut Euch um, dazu sind wir ein­fach zu wenige. Dar­über hin­aus inter­es­siert sich außer­halb des Bur­gen­land­krei­ses kein Schwein für den ein­zi­gen ost­deut­schen Stand­ort der welt­be­rühm­ten „Frischli“-Milchwerke. Soll hei­ßen: Um Wei­ßen­fels in ein rich­ti­ges Licht rücken zu kön­nen, müsste über­haupt Licht da sein. Wei­ßen­fels müsste, mit ande­ren Wor­ten, als etwas ande­res wahr­ge­nom­men wer­den als ein ödes, grau­brau­nes Kaff irgendwo zwi­schen Güs­trow und Annaberg-Buchholz.

Zwei­tens wird mit dem Wort­spiel „Wei­ßen­fels ins rechte Licht rücken“ auf das alte Kli­schee zurück­ge­grif­fen, dass Nazis irgend­wie „rechts“ seien, wäh­rend alles Gute auf Erden von „links“ komme. Um an die­ser Vor­stel­lung fest­hal­ten zu kön­nen, muss man ent­we­der blind und igno­rant oder aber dumm sein. Oder ist noch nie­man­dem von Euch auf­ge­fal­len, dass die NSDAP die Worte „sozia­lis­tisch“ und „Arbei­ter­par­tei“ in ihrem Namen trug? Ist es Euch nie merk­wür­dig vor­ge­kom­men, dass Mus­so­lini vor der Grün­dung der faschis­ti­schen Par­tei Ita­li­ens ein wasch­ech­ter Lin­ker war: ein Mit­glied der Sozia­lis­ti­schen Par­tei? Und habt Ihr Euch nie gefragt, warum sich die der­zei­ti­gen Nazis so leicht so genannte „linke Codes“ „aneig­nen“ kön­nen, wie es die Abge­brüh­tes­ten von Euch regel­mä­ßig als „Tea­mer“ des „Netz­werks für Demo­kra­tie und Cou­rage“ unters des­in­ter­es­sierte Jung­volk bringen?

Weder die Vor­liebe der Nazis für die Parole vom Sozia­lis­mus noch für Che-Guevara-T-Shirts und Pali­tü­cher sind Zufall. Genauso wenig ist es Zufall, dass über­durch­schnitt­lich viele NPD-Wähler ihr zwei­tes Kreuz aus­ge­rech­net bei der Links­par­tei machen: bei dem Ver­ein also, der in Form emsi­ger Jung­funk­tio­näre, der Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Eures Ver­trau­ens und der einen oder ande­ren Spen­den­quit­tung auch bei die­ser Demons­tra­tion ver­tre­ten sein dürfte. Und es ist eben­falls kein Zufall, dass die öffent­li­che Tole­ranz gegen­über Nazis über­all dort beson­ders groß ist, wo die ehe­ma­lige PDS über eine breite Basis ver­fügt. Denn auch wenn sich die Link­par­tei offi­zi­ell von den brau­nen Schlä­gern dis­tan­ziert, war sie in der Ver­gan­gen­heit immer dann zur Stelle, wenn sich Ost­deut­sche mal wie­der gegen Asyl­be­wer­ber­heime, Pfar­rer aus dem Wes­ten oder die Unter­brin­gung jüdi­scher Kon­tin­gent­flücht­linge zusam­men­rot­ten, um selbst die größ­ten Saue­reien unter Ver­weis auf den Ver­lust von Poli­kli­ni­ken, Arbeits­plät­zen und „Iden­ti­tät“ zu recht­fer­ti­gen. Die poli­ti­sche Linke hat in ihrer lan­gen Geschichte immer wie­der ent­schei­dend zur Ent­ste­hung jenes Kli­mas beige­tra­gen, das Nazis vor­fin­den müs­sen, um so genannte „natio­nal befreite Zonen“ schaf­fen zu kön­nen: eines Kli­mas aus aggres­si­ver Wei­ner­lich­keit, Gemein­schafts­kult, Staats­ver­got­tung, Arbeits­ver­herr­li­chung und dump­fem Anti­ka­pi­ta­lis­mus. So hat die Par­tei „Die Linke“ bei den letz­ten Bun­des­tags­wah­len nicht umsonst auch hier im Wahl­be­zirk Burgenlandkreis-Saalekreis die meis­ten Zweit­stim­men auf sich ver­ei­ni­gen kön­nen: mehr als die CDU und mehr als SPD, FDP und Grüne zusammen.

Das heißt: Anders als es gern behaup­tet wird, sind Faschis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus nicht ein­fach „anti­mo­dern“, „reak­tio­när“ oder eben „rechts“; son­dern sie sind eine Syn­these von „links“ und „rechts“. Faschis­ti­sche Auf­bruchs­be­we­gun­gen bemü­hen sich um eine Ver­bin­dung „zwi­schen den Kräf­ten der Ver­gan­gen­heit und den Erfor­der­nis­sen der Zukunft, zwi­schen dem Gewicht der Tra­di­tion auf der einen Seite und dem revo­lu­tio­nä­ren Enthu­si­as­mus auf der ande­ren“ (Zeev Sternhell).

Wel­che merk­wür­di­gen Fol­gen die Vor­stel­lung haben kann, dass Nazis „rechts“ seien, wäh­rend das Gute doch irgend­wie von „links“ komme, dürf­ten einige von Euch aus eige­ner Erfah­rung wis­sen. Denn wir ver­ra­ten sicher kein Geheim­nis, wenn wir erzäh­len, dass Anti­fa­schis­ten aus Wei­ßen­fels in den letz­ten Mona­ten nicht nur Ärger mit den brau­nen Jungs von der Platte hat­ten, son­dern auch mit den roten Kna­ben aus der Börde: Vor eini­gen Wochen fuh­ren die Mit­glie­der einer roten Kame­rad­schaft aus Burg nach Wei­ßen­fels, um hier einen so genann­ten Haus­be­such zu machen. Der Grund: Sie haben Freude daran, Men­schen in Nazi­ma­nier ein­schüch­tern – und sie trauen sich nicht an die Genos­sen in Halle heran, die sich bis zum Ein­tref­fen der Poli­zei in ange­mes­se­ner Weise ver­tei­di­gen würden.

Hätte es sich bei die­sem Klin­gel­post­kom­mando um eine NPD-Abordnung gehan­delt, dann hät­ten der Betrof­fene und seine Freunde sicher umge­hend die Poli­zei und das Mobile Bera­tungs­team des „Mit­ein­an­der e.V.“ ein­ge­schal­tet. Da Nazis aber „rechts“ zu sein haben und man auf­grund der gemein­sa­men Bezeich­nung als „links“ auch an wei­ter­ge­hende Überein­stim­mun­gen zwi­schen sich und anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Schlä­gern glaubt, hiel­ten Anna und Arthur das Maul. Die Folge ist, dass die Orga­ni­sa­to­ren die­ser Demo zwar den Namen jedes drit­tran­gi­gen Wei­ßen­fel­ser Tank­stel­len­na­zis im Inter­net ver­brei­ten, mit dem Klar­na­men der roten Kame­ra­den aus Burg aber sorg­sa­mer umge­hen als der Daten­schutz­be­auf­tragte der Bundesregierung.

Genauso gro­ßer Quark wie die Gleich­set­zung von „Nazis“ und „rechts“ ist die Rede vom „Welt­bild“ der Nazis, das eine Gefahr für alle Men­schen dar­stelle, die nicht in die­ses „Welt­bild“ pas­sen. Seht Euch die Haupt­schul­ab­bre­cher der „Akti­ons­gruppe Wei­ßen­fels“ doch an – sie wer­den sicher noch das eine oder andere Mal am Rand der Demons­tra­tion auf­tau­chen: Glaubt Ihr wirk­lich, dass diese Leute, die in ihrer gro­ßen Mehr­heit weder „Hit­ler“ noch „Fid­schi“ buch­sta­bie­ren kön­nen, ein „Welt­bild“ besit­zen? Sie sind froh, wenn sie „88“ feh­ler­frei in ihr Handy tip­pen kön­nen. Nicht das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche „Welt­bild“ treibt an sich nette und umgäng­li­che Jungs dazu, Men­schen zu ver­fol­gen, ein­zu­schüch­tern und umzu­brin­gen. Son­dern diese Leute wer­den Nazis, weil ihnen die Bewe­gung die Mög­lich­keit bie­tet, den eige­nen Drang, jeman­den zu ver­fol­gen und fer­tig­zu­ma­chen, als Dienst an einer höhe­ren Sache aus­zu­ge­ben. Die zahl­lo­sen inne­ren Wider­sprü­che der so genann­ten Nazi­ideo­lo­gie sind den brau­nen Schlä­gern und ihren Vor­den­kern letzt­end­lich egal: Ihnen geht es nicht um Kon­sis­tenz und Logik, son­dern darum, eine Recht­fer­ti­gung dafür zu bekom­men, andere zu quä­len. So ist es zwar kein Zufall, dass sich der Drang nach Ver­fol­gung in ers­ter Linie gegen Aus­län­der, Behin­derte, Obdach­lose, kurz: gegen Schwa­che rich­tet. Aber wir alle wis­sen doch: Wenn keine Aus­län­der, Obdach­lo­sen, Behin­der­ten zur Ver­fü­gung ste­hen, dann wird das Ver­fol­gungs­be­dürf­nis gern auch mal ohne welt­an­schau­li­che Recht­fer­ti­gung aus­ge­lebt: am Bewoh­ner des Nach­bar­dor­fes, am Tou­ris­ten, den es an den fal­schen Ort ver­schla­gen hat, oder am Kame­ra­den von nebenan. Wer die Ursa­chen die­ses Ver­fol­gungs­dran­ges the­ma­ti­sie­ren will, wird nicht umhin kom­men, über irra­tio­nale Ver­hält­nisse zu reden, sprich: über Staat und Kapi­tal. Aber auch das wird im Auf­ruf zu die­ser Demons­tra­tion ver­mie­den: Wahr­schein­lich hät­ten die Mit­glie­der der „Links­ju­gend“ sonst nicht mit­ge­spielt, die Staat und Kapi­tal bekannt­lich nicht abschaf­fen, son­dern für König Oskar und Queen Sahra nur anders ver­wal­ten wol­len. (Selbst­ver­ständ­lich mit sich selbst auf den ein­schlä­gi­gen Verwaltungsposten.)

Wie dem auch sei: Auch wenn der Titel die­ser Ver­an­stal­tung behäm­mert, der Auf­ruf unter Niveau und die Bild­spra­che des Mobi­li­sie­rungs­ma­te­ri­als teil­weise prä­pu­ber­tie­rend ist, ist es rich­tig, hier in Wei­ßen­fels zu demons­trie­ren. Aber eben nicht, wie es im Demons­tra­ti­ons­auf­ruf heißt, „weil wir es kön­nen“: Wir kön­nen auch Vor­schü­lern den Lolli weg­neh­men und tun es trotz­dem nicht. Son­dern wir sind hier­her gekom­men, weil es rich­tig ist, Nazis gerade dort auf den Ner­ven her­um­zu­tram­peln – und sei es auch nur mit beschei­de­nen Mit­teln –, wo sie in der Über­macht sind und sich sonst unge­stört aus­to­ben kön­nen. Wir sind nach Wei­ßen­fels gefah­ren, weil es rich­tig ist, Leute zu unter­stüt­zen, die regel­mä­ßig dem Ter­ror von Nazis aus­ge­setzt sind und keine andere Hilfe bekom­men, weil sie in Drecks­nes­tern wie die­sem auf sich selbst ange­wie­sen sind.

Schon mit­tel­fris­tig wür­den wir den Wei­ßen­felsern unter Euch aber raten, was wir den weni­gen ver­nünf­ti­gen Leu­ten auf dem fla­chen Land immer emp­feh­len. Denn seht Euch doch um: Selbst wenn es irgend­wann gelin­gen sollte, dass die Nazis aus Wei­ßen­fels abhauen, würde sich hier nicht viel ver­än­dern. Es wäre immer noch Wei­ßen­fels. Die PDS-Rentner, die bel­lende Spra­che, die damit ver­bun­dene Aggres­si­vi­tät und die tie­fer geleg­ten Autos, mit denen sich die Land­ju­gend auch hier im Bur­gen­land­kreis bevor­zugt um Chaus­see­bäume wickelt, wür­den blei­ben. Und auch der schlechte Geschmack, die Dau­er­wel­len der älte­ren und die lila Haar­sträh­nen der jün­ge­ren Frauen wür­den nicht ver­schwin­den. Nur der Alter­durch­schnitt würde sich wei­ter erhö­hen. Aus die­sem Grund: Haut hier ab, bevor es zu spät ist; ver­schwin­det, bevor Ihr ent­we­der zu tra­gi­schen Hel­den der anti­fa­schis­ti­schen Bewe­gung oder genauso ver­bit­tert, lethar­gisch und stumpf gewor­den seid wie Eure Eltern, Nach­barn und min­der­be­mit­tel­ten Mit­schü­ler von frü­her! Da Ihr Euch im Auf­ruf zu die­ser Demons­tra­tion fast aus­schließ­lich über die ein­hei­mi­schen Nazis beschwert, schei­nen die örtli­che Lethar­gie und Abstump­fung dum­mer­weise schon auf Euch über­ge­gan­gen zu sein: Weder Eure Erzeu­ger, Nach­barn, Klas­sen­ka­me­ra­den und Arbeits­kol­le­gen noch das öffent­li­che Klima, die man­gelnde Anony­mi­tät und die Enge schei­nen Euch beson­ders zu stö­ren: Alles prima außer Nazis. Zumin­dest in die­ser Hin­sicht dürfte es für unse­ren Rat, hier abzu­hauen, also lei­der schon zu spät sein.

Für den Kommunismus!

AG „No Tears for Krauts“ Halle, November 2012

„Eine Perle Sachsen-Anhalts“

Aus dem Text „Eine Perle Sachsen-Anhalts“ der aktuellen Ausgabe der Bonjour Tristesse.

Das Ergebnis einer im Januar diesen Jahres stattgefundenen Demonstration im sachsen-anhaltischen Köthen, an der nicht einmal 35 Personen teilnahmen, war eindeutig: Die Stadt befand sich in Aufruhr. In diversen Zeitungsartikeln wurde berichtet, im örtlichen Stadtrat eine Art „aktuelle Stunde“ abgehalten, und nahezu sämtliche Parteien sahen sich gezwungen, in der Öffentlichkeit Stellung zu den „Vorkommnissen“ zu beziehen. Auch die Bürger Köthens zeigten sich erwartungsgemäß wenig erfreut über die durchweg unkonstruktive Kritik. Bonjour Tristesse alias Ernst Schmied hat sich am Nachspiel mit verteilten Rollen als empörter bzw. besorgter Bürger telefonisch und schriftlich beteiligt und stellt die Ergebnisse selbstverständlich gern zur Verfügung. weiterlesen

Des Weiteren im Heft:

Download [pdf]: bonjour tristesse #10

Solidarität mit Israel! (updated)


Gegen das Bündnis der Kriegstreiber von Linkspartei und Hamas!

„Das darf man Israel so nicht durchgehen lassen“, schäumte Gregor Gysi; der Linkspartei-Abgeordnete Wolfgang Neskovic forderte Ermittlungen gegen Israel wegen des „Anfangsverdachts eines Kriegsverbrechens“; Nader El-Saqa von der Palästinensischen Gemeinde Deutschlands e.V. bezeichnete den israelischen Angriff als „Kriegserklärung Israels an alle auf den Schiffen vertretenen Nationen“. Darin sind sich die deutschen Vertreter der humanitären Sache einig mit Tayyip Erdogan, dem türkischen Ministerpräsidenten, der hinzufügte, dass Israel ein „Geschwür“ im Nahen Osten sei. Noch sind Abstufungen in den Formulierungen zu hören – doch zieht sich eine Linie von Gysi zu Erdogan, Hugo Chavez und der iranischen Führung. Und einig sind sich auch die europäischen Regierungen mit Barack Obama: Nicht das Bündnis von Linken und Islamisten sei das Problem, sondern Israel.

Dieses Bündnis, das sich auf dem Schiff „Mavi Marmara“ versammelte, fungiert als Propagandatruppe der antisemitischen Internationale: Unter der Führung des Djihad-Finanziers IHH fuhren deutsche Linke, türkische Islamisten und Faschisten der „Grauen Wölfe“, englische Friedensbewegte und amerikanische Menschenrechtler gegen Israel. Norman Paech, der prominenteste Völkerrechtler und „Israel-Kritiker“ der Linkspartei, durfte in den ARD-Tagesthemen ganz offen aussprechen, dass es nicht um Hilfslieferungen, sondern um das Brechen der Blockade ging – um eine „politische Aktion“, d.h. praktisch um die Unterminierung der israelischen Souveränität und Sicherheit. Nun beschwert er sich über das israelische „Kriegsverbrechen“. Norman Paech, Inge Höger und andere Linkspartei-Funktionäre bezeichnen die durch ausführliches Videomaterial belegte israelische Darstellung der Vorgänge als Fälschung. Sie wollen keine antisemitischen Schlachtgesänge gehört und schon gar keinen bewaffneten islamistischen Lynchmob gesehen haben. Jeder Evidenz ins Gesicht zu lügen und aus in Notwehr handelnden Soldaten kaltblütige Mörder zu machen – das ist die Wahrheit der Antisemiten.

Im Namen des Friedens wollen sie den Weltkrieg gegen Israel entfesseln. Was sie Israel unterstellen, wollen sie selbst. Henning Mankell freut sich schon, wenn Israel gezwungen ist, erneut militärisch gegen diese Friedensfreunde vorzugehen: „Was wird im kommenden Jahr passieren, wenn wir mit hunderten Booten zurückkehren? Werden sie dann eine Atombombe zünden?“ Und Erdogan, der angeblich schon über einen Einsatz der türkischen Armee zur Befreiung des Gaza-Streifens nachdenkt, sieht sich ebenfalls schon an Bord der nächsten Armada. Die Sehnsucht nach einem humanitären Einmarsch in Israel, der das Ende des jüdischen Staates bedeuten würde, scheint der Verwirklichung nahe.

Das Bündnis der globalen Linken mit dem Islamismus vollzieht sich unter dauernden Appellen an eine angeblich höhere und gerechtere, vor allem ganz dem Frieden verpflichtete Macht: die Vereinten Nationen. Das ist genau jenes „Staatenparlament“, vor dem Ahmadinedschad seine antisemitischen Brandreden halten kann und das in seinen Beschlüssen und seiner Rhetorik so fatal an die Worte und intendierten Taten der Herren Paech, Mankell und Erdogan erinnert. Hatte 1939 Adolf Hitler den deutschen Welteroberungskrieg als Notwehr gegen die jüdischen Kriegstreiber proklamiert, so spricht Ahmadinedschad heute davon, dass „die Region für alle Zeiten von diesem Übel befreit“ wird, wenn „das zionistische Regime seine Fehler wiederholt und neue Abenteuer beginnt.“ Das globale „Friedenslager“ erkennt in solchen Aussagen beim besten Willen keine Vernichtungsdrohungen, das iranische Atomprogramm ist ihnen ein souveränes Recht und die Aufrüstung der „Freiheitskämpfer“ von Hamas und Hisbollah ist ihnen ein Akt der internationalen Solidarität.

So ist es kein Wunder, dass der fortgesetzte Terror der Hamas mit Raketen gegen Israel und die islamistische Gängelung der Bevölkerung des Gaza-Streifens einfach ausgeblendet werden. Aus dem djiahdistischen Brückenkopf gegen Israel und die Juden weltweit, zu dem die Hamas den Gaza-Streifen gemacht hat, wird eine nach Frieden und Selbstbestimmung sich sehnende Versammlung edler Menschen, denen zu helfen Anliegen aller Humanisten weltweit sein müsse. Dass Frieden und Humanismus inzwischen zu Begriffen einer pervertierten Sprache geworden sind, hinter der sich Islamisten, Nazis, Antiimperialisten und andere Feinde der Humanität verschanzen, hat in Deutschland allen voran die Linkspartei zu verantworten. Wer sich mit Gestalten wie Norman Paech oder Inge Höger auch nur an einen Tisch setzt, wer deren Worte anders als judenfeindliche Auslassungen auf der Höhe der Zeit rezipiert, wer glaubt, dass mit diesen „Sozialisten des 21. Jahrhunderts“ auch nur diskutiert werden könne, ist schon Teil des Problems.

Wir rufen auf zu einer Kundgebung vor dem Karl-Liebknecht-Haus, der Zentrale der Linkspartei. Wir können mit unseren Mitteln den unheimlichen Aufmarsch gegen Israel nicht stoppen, aber wir können das Bündnis von Djihad und Sozialismus denunzieren. Dazu rufen wir alle auf, die nach den Ereignissen der letzten Tage ihre uneingeschränkte Solidarität mit Israel öffentlich zeigen wollen.


Kundgebung vor dem Karl-Liebknecht-Haus
Samstag, 12. Juni 2010, 14 Uhr
Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin-Mitte

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Eine Dokumentation der Redebeiträge und Grußworte gibt es hier und hier.

20 Jahre Antifa: Still not loving Reality

Wir dokumentieren an dieser Stelle eine Kritik an der Antifa, welche in Form eines Flugblattes am Rande einer Demonstration mit dem Motto „Still not lovin’ Germany“ am 10. Oktober 2009 in Leipzig verteielt wurde.

20 Jahre Antifa: Still not loving Reality

Die Organisatoren der heutigen Demonstration scheinen nicht zu wissen, was sie am heutigen Deutschland kritisieren sollen. Sie rufen daher zur Bekämpfung eines Deutschlands auf, das es schon längst nicht mehr gibt

„Still not lovin’ Germany“ – „Wir lieben Deutschland immer noch nicht“. Das mag stimmen. Aber, ganz ehrlich: Wer tut das hierzulande schon? Die Deutschen sind weder in der Emigration, wo die Liebe zu Schweinskopfsülze, Pfälzer Saumagen oder Leipziger Allerlei indirekt proportional zur Dauer des Exils wächst. Noch sind sie Asylbewerber, denen Deutschland im Vergleich zum Iran, der Elfenbeinküste oder dem Kongo auch nach den schrecklichsten Schikanen der hiesigen Ausländerbehörden als Paradies erscheint. Wer in Leipzig, Halle oder Gelsenkirchen halbwegs aufmerksam Straßenbahn fährt, erkennt im gegenseitigen Umgang der Fahrgäste, in ihren Gesprächen, den Drängeleien, dem gereizten Wort („Erst raus, dann rein!“) und der oft mehr als latenten Aggressivität: Die Leute können sich nicht ausstehen. So dürfte es auch mehr als ein Zufall sein, dass die Doku-Soaps, die die Fernsehprogramme vor einigen Jahren noch dominierten, in der Publikumsgunst längst von Zoosendungen abgelöst wurden. Je enger Ost und West zusammenwachsen, je intensiver sich die Landsleute also kennenlernen, umso mehr lieben sie „Panda, Gorilla & Co“.

Warum eigentlich Deutschland lieben?

Die nationalen Imagekampagnen („Du bist Deutschland“ usw.) und die aufgedrehten Bekenntnisse der Generation Berlin zur Fußball-Nationalmannschaft, zu schwarz-rot-gold und zur deutschen Vorreiterrolle in Sachen Ökostrom sind dementsprechend kein Ausdruck überschwänglicher Vaterlandsliebe. Erstens hat ein Vater, der geliebt wird, keine Imagekampagne nötig. Zweitens ist es bei all den Peinlichkeiten, die sie sich gelegentlich leisten, auch für Verliebte eher unüblich, Wildfremden ungefragt den Namen ihres Schwarms ins Ohr zu brüllen oder sich seine Initialen ins Gesicht zu schmieren. Vor allem aber ist es unüblich, sich immer und immer wieder unaufgefordert für die große Liebe zu rechtfertigen, im gleichen Atemzug aber zu betonen, wie harmlos die Sache doch sei. Sowohl die Imagekampagnen als auch die schwarz-rot-goldenen Fahnenappelle haben ein nicht zu übersehendes Moment von Autosuggestion. Hinter dem aufgedrehten Fahnenschwenken dürfte vor allem das Bedürfnis des Staatsbürgers stehen, aus dem –durchaus nützlichen – Besitz eines deutschen Reisepasses gerade im Angesicht der Krise ein wechselseitiges Treue- und Verpflichtungsverhältnis zwischen sich und der Instanz, die das Dokument ausstellt, abzuleiten. Soll heißen: Je unerträglicher er seine Mitinsassen und die Haftanstalt findet, umso stärker muss er sich selbst von ihren vermeintlichen Vorzügen überzeugen. Das gelingt ihm dummerweise nicht immer – immerhin ist es im Zeitalter von Kabelfernsehen und Billig-Airlines schwer, die Schönheiten der Lüneburger Heide, die deutsche Popkultur oder den deutschen Beitrag zum Klimaschutz gegen Malibu-Beach, Britney Spears oder einen Cadillac stark zu machen. Aus diesem Grund tritt ihm regelmäßig der Staat zur Seite: In dem Maß, in dem der „Tag der deutschen Einheit“ bei der Mehrheit der Deutschen nicht mehr für vaterländisches Herzklopfen sorgt, sondern als willkommene Gelegenheit für einen Kurzurlaub, die Renovierung der Küche oder einen Gammeltag vor dem Fernseher begriffen wird, müssen die einschlägigen Ideologieproduzenten ihre Anstrengungen in Sachen nationaler Identitätsstiftung durch Kampagnen, Stellwände und das Verteilen schwarz-rot-goldener Kugelschreiber verstärken. Diese Mischung aus privatem Desinteresse und staatsbürgerlichem Bedürfnis nach Sinnstiftung, die die je Einzelnen durchzieht, spiegelt sich noch vor der Fernbedienung wieder. Die Fernsehsender, die sich aus finanziellen Gründen an den Konsumwünschen des Publikums orientieren müssen, waren auch am 3. Oktober weitgehend frei von nationalem Pathos: Pro 7 zeigte „Star Wars“, RTL 2 wartete mit „Austin Powers“ auf. Die öffentlich-rechtlichen Sender hingegen, die nicht auf die Interessen der Zuschauer, sondern auf den nationalen Bildungsauftrag verpflichtet sind – und aus diesem Grund in der Zuschauergunst ganz weit unten stehen –, überschwemmen das Publikum hingegen seit Monaten mit Sendungen à la „Countdown Mauerfall“ (ZDF), „Meine Wende“ (MDR) und „60 x Deutschland“ (ARD). Sowohl hinter der aufdringlichen Versicherung der eigenen Heimatverbundenheit als auch den öffentlich-rechtlichen Sinnstiftungskampagnen steht mit anderen Worten letztlich der Drang, der eigenen Scholle endlich den Rücken zu kehren. So sind laut einer Umfrage zwar 65 Prozent der Landsleute der Meinung, dass die Deutschen ruhig stolzer auf „ihr Land“ sein sollten. Drei Viertel der Befragten beantworten die Frage, ob sie auch in einem anderen Land als Deutschland arbeiten würden, jedoch mit einem eindeutigen „Ja“. Nicht nur die Verkehrsstaus, die in jedem Sommer in Richtung Süden zu beobachten sind, und das Desinteresse an den Ferien auf dem Immenhof zeigen: Die Deutschen hält trotz der Beteuerung ihrer Heimatverbundenheit nur sehr wenig im geliebten Vaterland. Sie halten es untereinander nicht aus.
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